Ich bin ein rechter Antifaschist
Warum ich an meinen konservativen Werten festhalte und gleichzeitig jede Form des Totalitarismus verachte
Ich lag neulich auf meinem Sofa, die Gedanken wanderten, und plötzlich hielt ich inne. Mir wurde etwas bewusst, das im ersten Moment wie ein Kurzschluss wirkte, aber bei näherem Hinsehen eine knallharte Logik besitzt: Ich bin ein rechter Antifaschist.
Dass man mich heute oft als „Rechtskonservativen“ oder schlicht als „Rechten“ abstempelt, ist mir nicht neu. Wer an christlichen Werten festhält, wer an eine objektive Wahrheit glaubt und sich nicht jedem progressiven Zeitgeist-Experiment unterwirft, landet heute automatisch in dieser Schublade. Aber während ich da so lag, fiel mir auf, wie absurd das ist. Denn tief in mir bin ich ein überzeugter Antifaschist. Und das nicht erst seit gestern.
Meine Gedanken gingen zurück in die 90er-Jahre. Berlin-Friedrichshain. Die Hausbesetzerszene. Antifaschismus war damals keine akademische Fingerübung und kein moralisches Distinktionsmerkmal in Talkshows. Es war eine handfeste, oft schmerzhafte Sache. Ich erinnere mich an die Straßenschlachten mit den Skins aus Lichtenberg. Wir wussten damals genau, wogegen wir standen. Faschismus war das Grauen, die Unterdrückung, die hasserfüllte Uniformität. Und wer mag schon Faschismus?
Echter Antifaschismus ist keine linke Domäne, auch wenn die moderne Linke das heute mit einer fast religiösen Inbrunst für sich beansprucht. Tatsächlich stehe ich heute immer noch an demselben Punkt wie damals: Ich lehne Faschismus aus tiefster Seele ab. Warum? Weil Faschismus für alles steht, was ich als gläubiger Christ verabscheue: Die totale Unterordnung des Individuums unter ein gottloses Kollektiv, die Entwürdigung des Menschen zum bloßen Rädchen im Getriebe, die Gewalt als Mittel der Ideologie.
Doch hier beginnt die Verrücktheit unserer Zeit. Sobald man heute eine politische Meinung äußert, passiert etwas Merkwürdiges: Kaum jemand fragt noch, ob das Gesagte stimmt. Stattdessen kommt fast automatisch die Einordnung. Kritisiert man unkontrollierte Migration, gilt man als rechts. Zweifelt man an ideologischen Gesellschaftsexperimenten, ist man rechts. Zweifelt man an militärischer Eskalation, ist man – je nach Windrichtung – links oder rechts.
Das Muster ist immer gleich: Nicht der Inhalt entscheidet, sondern die vermutete Lagerzugehörigkeit. Ich gehöre in keines dieser Lager. Nicht, weil ich unentschlossen wäre, sondern weil ich jede Frage einzeln bewerte. Dass mich deshalb beide Seiten misstrauisch betrachten, ist für mich kein Nachteil. Es zeigt nur, dass mein Maßstab nicht ihre Parteilinie ist.
Wir leben in einer Zeit, in der Politik stark in Gruppen aufgeteilt ist. Meinungen funktionieren nicht mehr primär als Ergebnis von Nachdenken, sondern als Signale der Zugehörigkeit. Wer innerhalb eines Lagers Widersprüche anspricht, gilt schnell als Verräter. Unabhängiges Denken stört, weil es unberechenbar ist. Und Unberechenbarkeit passt schlecht in ein System, das auf Geschlossenheit und Mobilisierung setzt.
Dabei ist die Welt nicht in zwei moralisch homogene Blöcke aufgeteilt. In beiden Lagern finden sich berechtigte Anliegen – und gravierende Irrtümer. Aber die Vorstellung, dass jemand schlicht nach Prinzipien urteilt, scheint vielen fremd geworden zu sein. Mein Maßstab ist nicht links oder rechts, sondern der Logos: Wahr oder falsch, sinnvoll oder schädlich, realitätsnah oder ideologisch verzerrt.
Wenn das bedeutet, dass ich mit meinen konservativen, christlichen Überzeugungen heute als „rechts“ gelabelt werde, während ich gleichzeitig die totalitären Strukturen des Faschismus (und seiner modernen Verwandten) bekämpfe, dann ist das eben so. Ich habe kein Interesse daran, links oder rechts neben dem Pferd zu laufen. Mich interessiert, ob es überhaupt in die richtige Richtung geht.
Der eigentliche Verlust unserer Zeit ist nicht die Uneinigkeit. Der Verlust besteht darin, dass Meinungen immer seltener aus offener Prüfung entstehen und immer häufiger aus vorgefertigten Identitäten übernommen werden. Ich verweigere die Lagerzugehörigkeit. Ich bin ein rechter Antifaschist – nicht trotz, sondern gerade wegen meiner Werte. Es ist der Preis der Freiheit, sich nicht einsortieren zu lassen.



Ich stimme dir zu. Als Christ muß ich alle kollektivistischen -ismen, sei es nun Faschismus, Sozialismus, Kommunismus oder was auch immer - ablehnen. Sie sind mit meiner Vorstellung eines von Gott zur Freiheit berufenen Menschen mit seiner ihm eigenen unveräußerlichen Würde nicht vereinbar.
Es lohnt sich, einzelnen (Schlag)Worten auf den Grund zu gehen, es wurde viel verdreht im vergangenen Jahrhundert und vielleicht auch schon davor.